In Schwerin gibt es einen Mann, der seit Jahren ein Baudenkmal rettet. Nicht die Stadt, nicht das Land, nicht irgendein Förderprogramm. Ein einzelner Typ mit einer Galerie und offenbar mehr Respekt vor Architekturgeschichte als die gesamte Untere Denkmalschutzbehörde zusammen.
Stephan Schrör ist Künstler, ehemaliger Sänger der legendären Schweriner Punkband „First Arsch“ und heute international unterwegs. Demnächst stellt er in Südkorea aus. Zwischendurch betreibt er die FreshEggs Gallery in der Hyparschale am Lambrechtsgrund. Die Hyparschale, entworfen vom legendären Ulrich Müther, gebaut zwischen 1969 und 1972, ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele der DDR-Ostmoderne in Schwerin. Ein Baudenkmal. Eines, das laut Gutachten aus dem Jahr 2016 in einem bedenklichen Zustand war: Klinker überstrichen, Glasflächen mit Wellblech zugenagelt, Werbetafeln dran, eine zeltartige Zwischendecke eingezogen, Wildwuchs drumherum.
Was der Gutachter forderte, erledigte ein Galerist
Dr. Jörg Kirchner vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege hat 2016 aufgeschrieben, was alles schiefläuft. Neun Jahre später ist die Liste abgearbeitet. Nicht von der Stadt. Von Schrör. Klinker freigelegt, Vorbau abgerissen, Glasflächen freigelegt, Werbetafeln runter, Mauern abgerissen, Strauchwerk beseitigt, Zwischendecke raus. Alles erledigt.
Was hat die Stadt in der gleichen Zeit gemacht? Die Treppenanlage von der Wittenburger Straße, die sogar in der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung steht, vergammeln lassen. Keine Grünflächenpflege auf den umliegenden städtischen Flächen. Und viele Tausend Euro Grundsteuer kassiert, ohne auch nur einen Busch zurückzuschneiden.
„9 Jahre. Neun Jahre liegt das Gutachten vor. Die einzige Institution, die darauf reagiert hat, war ein Galerist mit einem Vorschlaghammer.“
Ein Lankower, der anonym bleiben möchte
Der 70-Sekunden-Mann schlägt zurück
Schrör ist in Schwerin kein Unbekannter. Auf internationalen Kunstausstellungen von Tokio bis Seoul gefeiert, in Schwerin vor allem als „70-Sekunden-Mann“ bekannt, weil er ein Ehrenamt bei der Stadt in genau dieser Rekordzeit niederlegte. Ein Ex-Punksänger, der Denkmäler rettet, während die Behörde Aktenordner füllt. Jetzt hat er Anzeige erstattet. Gegen die Untere Denkmalschutzbehörde, gegen den damaligen Oberbürgermeister, gegen die systematische Untätigkeit einer Verwaltung, die lieber Akten stapelt als Denkmäler schützt.
In seiner Anzeige vom September 2025 dokumentiert Schrör jeden einzelnen Punkt, den er selbst erledigt hat, und jeden einzelnen, bei dem die Stadt versagt hat. Die Antwort der Verwaltung? Der ehemalige OB empfahl ihm, „den Rechtsweg zu beschreiten“. Kundenservice à la Schwerin.
Und dann kam die Idee mit dem Parkhaus
Als wäre die Geschichte nicht schon absurd genug, plant die Stadt jetzt ein Parkhaus zwischen dem Hochhaus Lambrechtsgrund und der Hyparschale. Genau dort, wo laut Dr. Kirchners Gutachten die Sichtachsen verlaufen, die den Denkmalwert der Hyparschale überhaupt erst begründen. Die „herausgehobene städtebauliche Stellung“, die „Erscheinung des Gebäudes als Solitär“, der Zusammenhang mit den anderen Bauten der Ostmoderne. Alles, was das Ding zum Denkmal macht, soll hinter einer Betonwand für 200 Autos verschwinden.
Dr. Kirchner schrieb 2016, die Sichtbeziehungen zwischen den Gebäuden der Ostmoderne seien „konstituierend“ für die Denkmaleigenschaft. Die Stadt hat das offenbar so interpretiert: Wenn man die Sichtachsen zubaut, ist es kein Denkmal mehr, und dann muss man sich auch nicht mehr drum kümmern. Effizient.
Denkmalschutz zweiter Klasse
Schrör stellt in seiner Anzeige eine Frage, die in Schwerin niemand laut stellen will: Gibt es einen Denkmalschutz zweiter Klasse? Für das Schloss wird kein Aufwand gescheut. Für die Residenzgebäude sowieso nicht. Aber ein Müther-Bau, international bekannter Architekt, vergleichbare Gebäude in anderen Städten längst saniert? Da reicht es nicht mal für einen Grünschnitt.
In Magdeburg wurde die dortige Hyparschale für 17 Millionen Euro saniert. In Schwerin überlegt man noch, ob man die Treppe repariert. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns zeigt mal wieder, was sie am besten kann: Nichts tun und dabei gut aussehen. Zumindest solange niemand zu genau hinschaut.
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