Es gibt Orte, die feiern die Zukunft. Silicon Valley, Shenzhen, vielleicht sogar Leipzig. Und dann gibt es Schwerin. Hier stellen Historiendarsteller das Jahr 1900 nach – und die Landeshauptstadt wirkt dabei so authentisch, dass man sich fragt, ob die Darsteller überhaupt etwas verändern mussten. Kein schnelles Internet, keine Clubs, kaum öffentlicher Nahverkehr – das Schwerin von 1900 und das Schwerin von 2026 haben mehr gemeinsam, als der Stadtmarketingabteilung lieb sein dürfte.
Rückschau als Kernkompetenz
Der kostenlose Nachrichten-Blog der Ostsee-Zeitung berichtet über die Aktion als eines der Highlights der Schweriner Woche Ähnlich wie bei Schwerin definiert Kultur neu: Modellbahn-Ausstellung ist jetzt offiziell kultureller Höhepunkt der Winterferien. Historiendarsteller, die sich in Kostüme der Kaiserzeit kleiden und das Leben um die Jahrhundertwende nachspielen. Für andere Städte wäre das ein nettes Freizeit-Event. Für Schwerin ist es fast schon ein Stadtentwicklungskonzept.
„Ich fand das toll Ähnlich wie bei Schwerin bereitet sich auf Eisenbahn-Invasion vor: 93 Module, 350 Meter Gleise, unzählige Weichen. Die Leute in den alten Kostümen, die Pferdekutschen, kein Handyempfang – also eigentlich wie jeder normale Dienstag in Lankow.“
Ein Besucher der Veranstaltung
Dabei ist der Rückblick auf 1900 durchaus lehrreich Ähnlich wie bei 350 Meter Gleise, 93 Module, null Verspätung: Schweriner Modellbahn zeigt, wie Bahnverkehr funktionieren könnte. Damals war Schwerin Residenzstadt des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin. Es gab ein Schloss mit einem regierenden Herzog drin, nicht nur einen Landtag. Es gab Kultur, Bälle, gesellschaftliches Leben. Heute gibt es den Pfaffenteich und eine Parkbank. Die Stadt hatte um 1900 übrigens rund 40.000 Einwohner – und fühlte sich vermutlich lebendiger als heute mit 98.000. Aber damals gab es auch noch keinen Großen Dreesch und keine Marienplatz-Galerie.
Die beste Zeit ist immer die vergangene
Die Historiendarstellung passt zu Schwerin wie der Schlossgarten zum Sonnenuntergang. Eine Stadt, deren größtes Argument das UNESCO-Welterbe-Schloss aus dem 19. Jahrhundert ist, deren letzter großer Moment die Bundesgartenschau 2009 war, und deren Stadtmarketing immer noch Fotos aus eben jener BUGA verwendet – diese Stadt braucht keine Historiendarsteller. Sie ist selbst eine.
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