SCHWERIN. Wer sich die Tabelle der 3. Handball-Liga Nord anschaut, glaubt zunächst an einen Druckfehler. Ganz oben, unerreichbar wie ein Schweriner Stadtentwicklungsplan, thront der SV Todesfelde mit 30:0 Punkten. Darunter, respektvoll nach Luft ringend: Grün-Weiß Schwerin mit 18:10 – nach einem bemerkenswert tapferen 27:27 (14:14) beim VfL Oldenburg II, der Zweiten Mannschaft eines Bundesliga-Clubs, der selbst nicht anwesend war.
Dass Schwerins Handballerinnen gegen den Nachwuchs eines Erstligisten nicht verloren haben, ist laut Vereinslogik ein Achtungserfolg. Dass es kein Sieg wurde, liegt laut Trainer Johannes Prothmann an einer „Achterbahnfahrt mit vielen Fehlern auf beiden Seiten“ – womit er mutmaßlich keine echte Achterbahn meinte, obwohl die Parallelen zur Schweriner Stadtpolitik unübersehbar sind.
Die Dänin, die sich nach dem Spiel selbst behandelt
Besondere Erwähnung verdient Josefine Jakobsen. Die dänische Stürmerin erzielte vier Treffer und verlängerte jüngst ihren Vertrag bei Grün-Weiß Schwerin – was in der Landeshauptstadt als sportliches Wunder gilt, das ungefähr so oft vorkommt wie ein Neubaugebiet, das tatsächlich bebaut wird. Jakobsen ist in Schwerin nicht nur als Handballspielerin tätig, sondern auch als Physiotherapeutin. Was bedeutet: Sie kann sich Zerrungen, Prellungen und den emotionalen Schaden nach einem 27:27 gegen Bundesliga-Nachwuchs im Grunde selbst wegmassieren.
„Ich bin sehr glücklich, dass ‚Jose‘ bleibt. Sie hat ein enormes Potenzial, das wir sicherlich noch häufiger nutzen müssen.“
Steffen Franke, Sportdirektor Grün-Weiß Schwerin – über eine Spielerin, die ihr eigenes Potenzial im Zweifelsfall auch orthopädisch erschließen kann
Sportdirektor Steffen Franke zeigte sich begeistert von der Verlängerung. Dass Jakobsen ihren Vertrag unterschrieb, obwohl sie die Ligatabelle kennt, spricht entweder für außergewöhnliche Loyalität oder für ein sehr gutes Gehalt – beides wird von Grün-Weiß nicht kommentiert.
SV Todesfelde: Ein Name wie ein Endboss, eine Bilanz wie ein Algorithmus
Während Schwerin mit solider Handarbeit Platz zwei verteidigt, hat der SV Todesfelde – ein Verein aus einem Ort, der klingt, als hätte ihn jemand während einer Rollenspiel-Runde benannt – sämtliche 15 Saisonspiele gewonnen. 30:0 Punkte. Kein Remis, keine Niederlage, kein Mitgefühl. Schwerins Handballerinnen betrachten diese Statistik aus sportlichem Abstand von 12 Punkten und nennen das intern vermutlich „gute Ausgangslage für die Restseason“.
Samstag bietet sich die nächste Gelegenheit, etwas Tabellenluft zu schnappen: Um 19:00 Uhr empfängt Grün-Weiß den SV Henstedt-Ulzburg in der Sporthalle Reiferbahn. Henstedt-Ulzburg ist Tabellenletzter, befindet sich mitten im Abstiegskampf und braucht laut Trainer Prothmann „unbedingt Punkte“ – weshalb mit einem entspannten Abend für niemanden zu rechnen ist. Für Schwerins Fans allerdings ist schon das Vorhandensein eines Gegners, der schlechter platziert ist als man selbst, Grund zur Vorfreude.
Vier Spielerinnen für die Nationalteams – Schwerin gibt sie gern her
International ist Grün-Weiß Schwerin ebenfalls gut aufgestellt: Gleich vier Spielerinnen wurden für Nationalkader nominiert. Tamina Kugler fährt mit der deutschen U18 nach Portugal, Jette Lojewski und Nora Lange stehen auf der Reserveliste – was in der Logik des Handballsports bedeutet, dass sie bereit stehen, falls jemand verletzt wird. Torhüterin Alexandra Ivanytsia ist ebenfalls als Reserve für das slowakische Nationalteam nominiert. Vier Nominierungen. Zwei davon als Reserve für den Reservefall.
In Schwerin gilt das als stolzer Beleg dafür, dass die Stadt zwar keine große, aber immerhin eine notfallmäßig relevante Rolle im internationalen Handball spielt. Wer mehr möchte, findet übrigens im SSC-Trainer, der nach Wiesbaden floh, einen Vorläufer in Sachen Schweriner Sportdrama.
„Das Spiel in Oldenburg war eine Achterbahnfahrt mit vielen Fehlern auf beiden Seiten. Obwohl wir nicht zu 100 Prozent in unser Abwehrspiel kamen, haben wir als Team Moral bewiesen.“
Trainer Johannes Prothmann – über ein Unentschieden, das er für moralisch wertvoll hält und das die Tabelle leider nicht beeinflusst
Anpfiff Samstag, 19:00 Uhr, Sporthalle Reiferbahn. Eintritt: vermutlich erschwinglich. Chance auf Platz eins: 0. Chance auf Platz zwei: solide.
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