Es ist 20:45 Uhr an einem Freitagabend in Schwerin. In anderen Landeshauptstädten beginnt jetzt der Abend. In Erfurt füllen sich die Kneipen am Fischmarkt, in Potsdam wird am Holländischen Viertel der zweite Wein bestellt, in Magdeburg zieht man weiter in die nächste Bar. In Schwerin zieht man die Vorhänge zu. Denn die Küche schließt.
Die Gastronomieszene Schwerins lässt sich mit einem Wort beschreiben: überschaubar. Mit zwei Wörtern: sehr überschaubar. Es gibt eine Handvoll Restaurants, die über Döner-und-Pommes-Niveau hinausgehen, zwei bis drei Cafés, die man als solche erkennt, und genau null Bars, die nach Mitternacht noch offen haben. Für knapp 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: Greifswald hat 60.000 Einwohner und mehr Kneipen pro Kopf als Schwerin Parkbänke.
Die Angst vor dem Abend
Das Grundproblem der Schweriner Gastronomie ist nicht die Qualität. Es gibt durchaus Restaurants, in denen man gut essen kann. Das Problem ist die Masse. Oder vielmehr: deren Abwesenheit. Wer in Schwerin essen gehen will, hat keine Qual der Wahl. Er hat die Wahl der Quallosigkeit.
Man kennt jedes Restaurant. Man war in jedem Restaurant. Man hat in jedem Restaurant alles durch. Nach sechs Monaten in Schwerin hat man die gesamte gastronomische Landschaft kartografiert, durchprobiert und abgehakt. Was dann? Dann geht man in die Schelfstadt und bestellt wieder das Gleiche.
Neulich wollten wir spontan um 21:30 noch was essen gehen. Wir sind durch die halbe Innenstadt gelaufen. Alles dunkel. Am Ende sind wir an der Tanke gelandet.
Sarah und Marcus, 34, Schwerin-Mitte
Die Öffnungszeiten sind dabei das eigentliche Kunstwerk. Küche bis 21 Uhr, Samstag vielleicht bis 22 Uhr, Sonntag Ruhetag, Montag auch, Dienstag sowieso. Wer zwischen November und März auswärts essen will, sollte das zwischen 17:30 und 20:00 Uhr erledigen, danach wird es schwierig.
Warum niemand ein Restaurant aufmacht
Die Erklärung ist so einfach wie deprimierend: Es fehlt die Nachfrage. Eine Stadt mit einem Durchschnittsalter von 47,6 Jahren geht nicht um 22 Uhr essen. Eine Stadt, aus der die 20- bis 35-Jährigen systematisch wegziehen, braucht keine Cocktailbars. Eine Stadt, in der nach 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, bietet Gastronomen keine Existenzgrundlage.
Es ist ein Kreislauf, der sich selbst füttert. Wenig Gastronomie bedeutet wenig Grund, abends rauszugehen. Wenig Grund rauszugehen bedeutet wenig Laufkundschaft. Wenig Laufkundschaft bedeutet, dass der nächste Gastronom es sich zweimal überlegt. Am Ende bleiben die drei Restaurants, die es schon immer gab, der Döner am Marienplatz und die Erkenntnis, dass Schwerin kulinarisch das ist, was es auch sonst ist: eine Stadt, die um 21 Uhr aufgibt.
Wir hatten mal überlegt, eine Weinbar aufzumachen. Dann haben wir uns die Frequenzzahlen angeschaut und es gelassen.
Anonymer Gastronom, der lieber in Rostock investiert hat
Schwerin hat die Gastronomie, die es verdient. Wenig, früh, und am Sonntag geschlossen. Guten Appetit. Aber bitte vor 21 Uhr.
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