Schwerin steht vor der vielleicht bedeutsamsten Entscheidung seit der Wiedervereinigung: Wie soll der Platz am Stadthafen heißen? Die CDU-Fraktion schlägt „Europapromenade“ vor, weil Schwerin noch keine Straße hat, die an Europa erinnert. Was angesichts der Tatsache, dass Schwerin auch keine Straße hat, die an funktionierenden Nahverkehr oder an Nachtleben erinnert, nur konsequent ist. Die Ortsteilvertretung hält dagegen: „Am Beutel“ soll der Platz heißen. Weil die Bucht im Schweriner See von oben aussieht wie ein Beutel. Und weil in Schwerin Dinge traditionell nach dem benannt werden, was sie sind, nicht nach dem, was sie gerne wären.
CDU will Europa, Schwerin will Beutel
Die CDU argumentiert: Viele Projekte in der Stadt hätten EU-Förderung erhalten, und das müsse öffentlich sichtbar sein Ähnlich wie bei Schwerin definiert Kultur neu: Modellbahn-Ausstellung ist jetzt offiziell kultureller Höhepunkt der Winterferien. Was stimmt – ohne EU-Geld sähe Schwerin aus wie… nun ja, wie Schwerin ohne EU-Geld. Also noch ein bisschen trauriger. Aber die Fraktionen Grüne/Die Partei und Unabhängige Bürger/FDP halten den Namen „Europapromenade“ für eine Flaniermeile am Schweriner Stadthafen für so angemessen wie einen Michelin-Stern für die Marienplatz-Galerie.
Stattdessen schlagen sie „Platz am Beutel“ vor Ähnlich wie bei Graustadt Schwerin – Neue Corporate Identity mit 300 Regentagen als USP. Die Ortsteilvertretung für die Werdervorstadt geht noch weiter und will nur „Am Beutel“ – weil es sich ihrer Meinung nach gar nicht um einen Platz handelt, sondern eher um eine Flaniermeile. Eine Flaniermeile, auf der im vergangenen Jahr hauptsächlich Bauzäune flanierten, weil eine große Abwasserleitung gebaut wurde.
„Europa ist mir ein bisschen groß für hier Ähnlich wie bei Nach Luxus-Ausflug nach Potsdam: Schwerins legendäres Einhorn kehrt zurück – und zieht wieder mehr Besucher als der Zoo. Der Beutel passt. Ist halt auch nicht so viel drin.“
Ein Anwohner der Werdervorstadt, trocken wie der Schweriner Sommer 2018
Ein Platz mit Geschichte – und mit Bauzäunen
Der Bereich am Stadthafen wurde zur Bundesgartenschau 2009 hergerichtet. Das war vor 17 Jahren. Seitdem hat die Stadt eine Steganlage für 100.000 Euro erneuert, eine Skaterbahn gebaut und ansonsten vor allem dafür gesorgt, dass Bauzäune das Bild dominieren. Für 2026 liegen der Verwaltung immerhin einige Anmeldungen für Flohmärkte vor. Für ein Hafenfest oder Ähnliches aber noch nicht. In einer Stadt mit Stadthafen. Am Wasser. Im Sommer.
Auf dem Gelände nördlich der alten Polizei sollen laut Bebauungsplan noch Wohngebäude und ein Hotel entstehen. Der Bebauungsplan wurde 2010 beschlossen und ging im Oktober 2025 in die Öffentlichkeitsbeteiligung. 15 Jahre vom Beschluss bis zur Beteiligung – in Schwerin nennt man das „zügig“. Im März entscheidet die Stadtvertretung über den Namen. Ob Beutel oder Europa: Am Ende wird der Platz vor allem das bleiben, was er schon immer war – leer.
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