In China füllen Drachenbootrennen ganze Stadien. In Schwerin füllen sie den Pfaffenteich — und das ist auch schon das Maximum, was die Landeshauptstadt an Großveranstaltungen hergibt. Der Drachenbootverein Schwerin e.V., seines Zeichens ältester Drachenbootverein in ganz Mecklenburg-Vorpommern, hat jetzt Einblicke in seinen Sport gegeben. Und dabei versehentlich offengelegt, wie groß der Unterschied zwischen Schwerin und dem Rest der Welt wirklich ist.
120 Schläge pro Sekunde — oder: Wie schnell man aus Schwerin rauspaddeln kann
Vereinsvorsitzender René Liehr ist Weltmeister. Ja, richtig gelesen: Weltmeister. Aus Schwerin. 2023 in Ravenna, dazu mehrere erste Plätze bei der Europameisterschaft. In einer Stadt, deren sportliche Höhepunkte normalerweise irgendwo zwischen Volleyball und Schwanfüttern liegen, ist ein Drachenboot-Weltmeister ungefähr so wahrscheinlich wie ein ICE, der pünktlich in Schwerin hält.
„So ein Boot effizient zu bewegen, ist eine Teamangelegenheit. Du musst mitgehen, sonst fällst du aus der Rolle und das geht in so einem Boot dann schnell schief.“
René Liehr, Vorsitzender des Drachenbootverein Schwerin e.V.
Ein Satz, der auch als Zusammenfassung der Schweriner Stadtpolitik durchgehen könnte. Mitgehen, nicht aus der Rolle fallen, sonst geht alles schief. Nur dass beim Drachenboot am Ende wenigstens jemand vorwärtskommt.
Profisport trifft auf Pfaffenteich-Romantik
Liehr berichtet von der Paradedisziplin der Chinesen: 200 Meter, 120 Paddelschläge pro Minute. „Das hält kaum jemand durch“, sagt er. In einigen asiatischen Ländern sei Drachenbootfahren ein Profisport, die Wettkämpfe so gut besucht „wie bei uns die Fußballspiele“. Bei uns heißt in diesem Fall: nicht Schwerin. Beim Schweriner Drachenboot-Festival am Pfaffenteich geht es „ein bisschen weniger ambitioniert“ zu. Hobbyteams aus Firmen treten an. Die Stimmung sei „klasse“.
Man stelle sich vor: In Hongkong paddeln Profis vor Zehntausenden Zuschauern. In Schwerin paddeln Buchhaltungsteams von regionalen Mittelständlern vor einer Handvoll Rentner, die eigentlich nur die Schwäne füttern wollten. Aber immerhin: ein Boot, das sich bewegt. In einer Stadt, in der sonst wenig vorangeht, ist das bereits ein Statement.
Der Verein will besonders Jugendliche ansprechen. Teamorientierung, Disziplin, gemeinsam etwas bewegen — Werte, die in einer Stadt mit 98.308 Einwohnern schon deshalb wichtig sind, weil man für ein 20er-Boot erst mal 20 Leute unter 60 finden muss.
Fazit: Schwerin hat einen Weltmeister, den niemand kennt, einen Sport, den niemand sieht, und ein Festival, das in China als Kaffeepause durchginge. Aber hey — wenigstens hat die Landeshauptstadt einen Pfaffenteich. Hongkong kann davon nur träumen.
Quelle: schwerin-lokal.de
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