Klartext

Die SVZ lesen – oder: Schwerins einziges Fenster zur Welt

Es gibt Städte, in denen man morgens zwischen drei Tageszeitungen wählen kann. München hat die Süddeutsche, die TZ und den Merkur. Hamburg hat das Abendblatt und die Morgenpost. Berlin hat so viele Zeitungen, dass man eine Woche lang jeden Tag eine andere lesen könnte, ohne sich zu wiederholen. Schwerin hat die SVZ. Punkt.

Die Schweriner Volkszeitung ist nicht einfach eine Zeitung. Sie ist das komplette Medien-Ökosystem einer Landeshauptstadt. Tageszeitung, Nachrichtenportal, Meinungsbildner, Veranstaltungskalender, Archiv und Wahrheitsmonopol in einem. Wer in Schwerin wissen will, was in Schwerin passiert, hat genau eine Quelle. Und wer diese eine Quelle nicht liest, weiß nichts. Medienvielfalt ist in Schwerin kein Begriff aus der Demokratietheorie. Es ist ein Fremdwort.

Ein Monopol und seine Gemütlichkeit

Die SVZ gehört zum Medienhaus Madsack. Madsack gehört zu großen Teilen der SPD-Medienholding DDVG. Das muss nichts heißen. Es kann aber viel heißen, wenn eine Landeshauptstadt nur eine einzige Tageszeitung hat und diese Zeitung über eine Holding mit einer Partei verbunden ist, die in Mecklenburg-Vorpommern seit 1998 an der Regierung beteiligt ist. Man muss keine Verschwörungstheorie bemühen, um festzustellen: Diese Konstellation wäre in jeder Demokratie-Vorlesung ein Fallbeispiel unter der Überschrift Strukturelle Probleme der Pressefreiheit.

Aber in Schwerin nimmt man das hin. Wie das Wetter, wie die vier Straßenbahnlinien, wie die Tatsache, dass der ICE nach Hamburg ein ewiges Versprechen bleibt. Die SVZ ist da, sie war schon immer da, und sie wird vermutlich da sein, wenn der letzte Schweriner das Licht ausmacht. Konkurrenz hatte sie zuletzt in den Neunzigern, als die Norddeutschen Neuesten Nachrichten noch eigenständig existierten. Seitdem herrscht mediale Monokultur.

Ich lese die SVZ seit 40 Jahren. Nicht weil sie so gut ist. Sondern weil es nichts anderes gibt. Das ist wie beim Bäcker in meiner Straße: Wenn er der einzige im Viertel ist, kaufst du dort. Egal ob die Brötchen schmecken.

Hartmut Pries, 71, Rentner, Lankow

Was passiert, wenn niemand hinschaut

Das Problem mit einem medialen Monopol ist nicht, dass die Zeitung schlecht wäre. Die SVZ-Redaktion macht solide Lokaljournalismus-Arbeit, so weit die Ressourcen reichen. Das Problem ist, was fehlt. Kein zweiter Blick auf die gleiche Geschichte. Keine andere Redaktion, die nachhakt, wenn die erste aufhört zu fragen. Kein Wettbewerb, der zu besserer Recherche zwingt.

Wenn die SVZ über eine Stadtvertretungssitzung berichtet, ist das die Version. Nicht eine Version. Die Version. Wenn ein Lokalpolitiker eine Pressemitteilung verschickt, geht sie an eine Adresse. Wenn ein Skandal recherchiert werden müsste, gibt es eine Redaktion, die das tun könnte. Eine. Mit schrumpfenden Budgets, weniger Personal und dem Druck, ein Produkt zu liefern, das Abonnenten hält, die im Schnitt 63 Jahre alt sind.

In einer Stadt mit 98.308 Einwohnern, die gleichzeitig Landeshauptstadt ist, also Sitz der Landesregierung, des Landtags, der obersten Landesbehörden, entscheidet eine einzige Redaktion darüber, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. Das ist kein Vorwurf an die Redaktion. Das ist ein Befund über den Zustand lokaler Öffentlichkeit.

Die digitale Wüste

Aber es gibt doch das Internet, sagen die Optimisten. Blogs, Social Media, Bürgerjournalismus. In der Theorie stimmt das. In der Praxis sieht es so aus: Schwerins digitale Medienlandschaft besteht aus der SVZ-Website, einer Handvoll Facebook-Gruppen, in denen Nachbarn über Falschparker streiten, und dem Instagram-Account der Stadtverwaltung, der Schwerin zeigt, wie Schwerin gerne wäre: sonnig, bunt und voller junger Menschen.

Es gibt kein lokales Online-Magazin mit journalistischem Anspruch. Keinen investigativen Blog. Keinen Podcast, der die Stadtpolitik kritisch begleitet. Die Medienlandschaft einer deutschen Landeshauptstadt im Jahr 2025 sieht aus wie die eines Landkreises in den Achtzigern. Nur mit besserer Auflösung auf den Fotos.

Wir haben eine lebendige Social-Media-Landschaft in Schwerin. Allein auf Facebook gibt es mehrere aktive Gruppen.

Pressesprecher der Stadtverwaltung Schwerin, auf die Frage nach Medienvielfalt

Facebook-Gruppen als Ersatz für Lokaljournalismus. Das ist, als würde man Stammtischgespräche als demokratische Debattenkultur verkaufen. In Facebook-Gruppen gewinnt nicht das bessere Argument, sondern die lauteste Stimme. Es gibt keine Redaktion, die Fakten prüft. Keine Trennung von Nachricht und Meinung. Keinen Pressekodex. Was es gibt: Screenshots von SVZ-Artikeln, darunter 47 Kommentare, von denen 30 das Thema verfehlen.

Medienvielfalt ist kein Luxus für Großstädte. Sie ist eine Grundlage funktionierender Demokratie. Wenn eine Landeshauptstadt nur eine Nachrichtenquelle hat, dann hat sie nicht eine Zeitung zu wenig. Sie hat ein Demokratiedefizit. Und das Fatale ist: Niemand berichtet darüber. Denn wer sollte das tun?

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