Klartext

Die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands – Ein Portrait

Deutschland hat 16 Landeshauptstädte. Fragen Sie jemanden in Stuttgart, ob er alle aufzählen kann. Bei zwölf wird es holprig. Bei vierzehn hört er auf. Schwerin fällt ihm nicht ein. Das ist kein Versagen des Befragten. Das ist ein Versagen Schwerins.

98.308 Einwohner. Das ist die aktuelle Zahl. Stand 31. Dezember 2024. Damit ist Schwerin nicht nur die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands. Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt, die keine Großstadt ist. Offiziell eine Mittelstadt. Die größte Mittelstadt des Landes, wenn man so will. Was für ein Trostpreis.

Im Schatten aller anderen

München: 1,5 Millionen. Berlin: 3,7 Millionen. Selbst Saarbrücken, das gerne als klein belächelt wird, bringt 180.000 Einwohner zusammen. Potsdam hat 181.000. Erfurt 214.000. Schwerin liegt unter all diesen Städten. Unter allen. Es gibt keine Landeshauptstadt in Deutschland, die kleiner ist. Schwerin ist das Ende der Liste. Der letzte Platz. Und nicht knapp, sondern mit deutlichem Abstand.

Was hat eine Landeshauptstadt, die nicht einmal 100.000 Einwohner hat? Ein Schloss, in dem der Landtag sitzt. Ein Staatstheater, das überregional kaum jemand kennt. Vier Straßenbahnlinien. Und den unbedingten Willen, als relevant zu gelten. Dieser Wille ist das Bemerkenswerteste an Schwerin. Er trotzt allen Fakten.

Ich war auf einer Konferenz der Landeshauptstädte in Stuttgart. Als ich sagte, ich komme aus Schwerin, hat mich jemand gefragt, ob das in Sachsen liegt. Auf einer Konferenz. Der Landeshauptstädte.

Andrea Falkenstein, 49, Referatsleiterin in der Schweriner Stadtverwaltung

Hauptstadt ohne Hauptstadt-Infrastruktur

Eine Landeshauptstadt sollte das Zentrum ihres Bundeslandes sein. Der Ort, an dem die Fäden zusammenlaufen. Schwerin ist das Zentrum von Mecklenburg-Vorpommern auf dem Papier. In der Praxis fahren die Menschen nach Rostock, wenn sie einkaufen wollen. Nach Hamburg, wenn sie ins Theater wollen. Nach Berlin, wenn sie Karriere machen wollen. Schwerin ist die Landeshauptstadt, durch die man durchfährt.

Keine Universität. Keine Fachhochschule von Gewicht. Kein Kongresszentrum, das den Namen verdient. Kein ICE-Halt im Fernverkehrsnetz. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns ist per Bahn schlechter angebunden als Lüneburg. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Lüneburg, eine Kreisstadt in Niedersachsen, ist besser angebunden als die Landeshauptstadt eines Bundeslandes.

Vergleichen wir Infrastruktur. Wiesbaden, ebenfalls eine kleinere Landeshauptstadt: S-Bahn-Anschluss ans Rhein-Main-Gebiet, Kurhaus, Staatstheater, eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands. Potsdam: direkt vor Berlin, exzellente Anbindung, Filmpark, drei Hochschulen, UNESCO-Welterbe überall. Mainz: ZDF, Universität, Fastnacht, Weinkultur. Und Schwerin? Schwerin hat den Pfaffenteich und eine Erinnerung an die Bundesgartenschau 2009.

Klein sein ist keine Schande

Es wäre in Ordnung, klein zu sein. Es gibt wunderbare kleine Städte in Deutschland. Celle, Wismar, Stralsund. Städte, die ihre Größe nicht als Makel empfinden, sondern als Identität. Das Problem beginnt dort, wo eine Stadt mit 98.308 Einwohnern so tut, als spielte sie in einer Liga mit Dresden, Hannover oder München.

Wenn die Stadtverwaltung Schwerin zukunftsfähig nennt und dabei die Bevölkerungsprognose 2040 verschweigt. Wenn der Oberbürgermeister von Wachstum spricht und einen Zuzug von 47 Personen meint. Wenn das Stadtmarketing Schwerin als Metropole am Wasser bewirbt, was schlicht gelogen ist. Eine Metropole hat mindestens 500.000 Einwohner. Schwerin hat ein Fünftel davon.

Die ehrlichste Beschreibung von Schwerin, die ich je gehört habe, kam von einem Taxifahrer: Hier ist es schön. Hier ist nur sonst nichts.

Ralf-Peter Bindemann, 44, Journalist, gebürtig aus Schwerin

Schwerin ist die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands. Das ist eine Tatsache. Man kann damit umgehen, indem man es annimmt und das Beste daraus macht. Qualität statt Quantität. Ehrliche Kommunikation statt Größenwahn. Oder man kann weitermachen wie bisher: Broschüren drucken, in denen das Schloss im Abendlicht glänzt, und hoffen, dass niemand nachzählt.

Schwerin zählt weiter. Die Einwohnerzahl fällt weiter. Und die Broschüren werden immer bunter.

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