Klartext

Der Marienplatz stirbt

Es gibt Plätze, die erzählen Geschichten. Der Marienplatz in Schwerin erzählt die Geschichte einer Stadt, die aufgehört hat, sich um sich selbst zu kümmern. Der historische dreieckige Platz, benannt nach Marie zu Mecklenburg, ist der zentrale Knotenpunkt der Landeshauptstadt. Drei von vier Straßenbahnlinien fahren hier durch, sieben Buslinien halten. Es ist der Ort, an dem Schwerin zusammenkommt. Theoretisch.

Praktisch kommt hier niemand zusammen. Man steigt um. Man geht schnell in die Marienplatz-Galerie und schnell wieder raus. Man wartet auf die Bahn und schaut dabei auf Schaufenster, hinter denen nichts mehr ist. Der Marienplatz ist kein Platz mehr. Er ist ein Wartezimmer.

Die Galerie hat den Platz nicht belebt. Sie hat ihn ersetzt.

Als 2012 die Marienplatz-Galerie eröffnete, hieß es, das werde die Innenstadt beleben. Das Einkaufszentrum werde Menschen anziehen, die dann auch die umliegenden Geschäfte besuchen würden. So die Theorie. In der Praxis hat die Galerie den Einzelhandel nicht ergänzt, sondern kannibalisiert.

Warum sollte jemand in den kleinen Laden auf dem Platz gehen, wenn es denselben Laden, mit Klimaanlage und ohne Regen, drinnen in der Galerie gibt? Die Antwort: niemand. Also schließen die Läden draußen. Einer nach dem anderen. Zurück bleiben Schaufenster mit Mietgesuchen und provisorischen Plakaten, die Neueröffnung bald! versprechen. Bald ist in Schwerin ein dehnbarer Begriff.

Was bleibt, sind die Ketten. Die Filialen, die überall gleich aussehen, ob in Schwerin, Stralsund oder Stade. Ein Marienplatz, der sich anfühlt wie die Fußgängerzone jeder beliebigen deutschen Mittelstadt. Nur mit weniger Menschen.

Mein Vater hatte hier einen Schuhladen, 30 Jahre lang. Als die Galerie kam, hat er noch drei Jahre durchgehalten. Jetzt steht der Laden leer. Seit vier Jahren.

Thomas K., 48, ehemaliger Einzelhändler

Ein Platz ohne Aufenthaltsqualität

Wer sich auf den Marienplatz stellt und sich umschaut, sieht: Straßenbahngleise. Bushaltestellen. Pflastersteine. Eine Handvoll Bänke, auf denen niemand sitzen will, weil sie entweder nass oder von Tauben besetzt sind. Im Sommer gibt es gelegentlich einen Markt. Im Winter den Weihnachtsmarkt. Dazwischen: nichts.

Keine Außengastronomie, die zum Verweilen einlädt. Keine Bepflanzung, die den Platz menschlich macht. Kein Konzept, das erklärt, warum ein Mensch freiwillig auf diesem Platz Zeit verbringen sollte, statt einfach durchzulaufen. Andere Städte verwandeln ihre zentralen Plätze in Wohnzimmer. Schwerin hat ein Durchgangszimmer.

Innenstädte sterben nicht von allein

Es ist bequem, Amazon und den Online-Handel für den Tod der Innenstädte verantwortlich zu machen. Das stimmt zum Teil. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Innenstädte sterben, wenn niemand in sie investiert. Wenn Stadtplanung bedeutet, ein Einkaufszentrum auf den zentralen Platz zu klotzen und dann 15 Jahre lang nichts mehr zu tun. Wenn Innenstadtentwicklung ein Tagesordnungspunkt in Ausschusssitzungen ist, aber nie ein Posten im Haushalt.

Der Marienplatz war mal der Leninplatz. Davor der Adolf-Hitler-Platz. Er hat schon einiges überlebt. Aber die aktuelle Bedrohung ist subtiler als Umbenennung und Ideologie. Die aktuelle Bedrohung ist Gleichgültigkeit.

Man kann durch die Schweriner Innenstadt laufen und an einem Donnerstagnachmittag mehr geschlossene als offene Ladentüren zählen. Das ist kein Schicksal. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten politischer Entscheidungen, die den Einzelhandel sich selbst überlassen haben. Von einer Stadtplanung, die Aufenthaltsqualität buchstabieren kann, aber nicht umsetzen.

Der Marienplatz heißt seit 1990 wieder Marienplatz. Vielleicht sollte man ihn umbenennen. In Durchgangsplatz. Oder Platz der verpassten Chancen. Wäre ehrlicher.

Nichts verpassen! 📰 Newsletter abonnieren

Erhalte die neuesten Nachrichten aus Schwerin direkt in dein Postfach – satirisch, ehrlich, geil.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schwerin ist Geil auf WhatsApp

Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.

Jetzt Kanal abonnieren

Kostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar

Teilen: