Fragen Sie jemanden in Deutschland, was ihm zu Schwerin einfällt. Die Antwort lautet: das Schloss. Fragen Sie nach einer zweiten Sache. Stille. Vielleicht noch: Liegt das nicht irgendwo oben? Das ist die gesamte Markenidentität einer Landeshauptstadt: ein einziges Gebäude.
Schwerin hat 98.308 Einwohner, einen Landtag, ein Staatstheater, sieben Seen und eine über 850-jährige Geschichte. Aber wenn die Stadt sich vorstellt, zeigt sie das Schloss. Auf der Website, auf den Postkarten, auf den Werbebroschüren, auf den Nummernschildern der Dienstwagen. Das Schloss ist das Logo, der Slogan, die Visitenkarte. Es ist alles.
Ein Wahrzeichen als Identitätskrücke
Jede Stadt hat Wahrzeichen. Berlin hat das Brandenburger Tor, aber auch den Fernsehturm, die East Side Gallery, den Reichstag und hundert andere Orte, die einem einfallen. München hat die Frauenkirche, aber auch den Englischen Garten, das Hofbräuhaus, die Allianz Arena. Hamburg hat die Elbphilharmonie, den Hafen, die Reeperbahn, den Michel. Diese Städte haben Tiefe. Mehrere Ebenen von Identität.
Schwerin hat das Schloss. Punkt. Und wenn man ganz großzügig ist, noch den Pfaffenteich. Aber ein künstlich angelegter Teich mit Schwänen reißt keinen Touristen vom Hocker und ziert kein Reisemagazin.
Das Problem ist nicht, dass das Schloss schlecht wäre. Es ist wunderschön. Eines der eindrucksvollsten Schlösser Norddeutschlands. Das Problem ist, dass eine ganze Stadt sich an dieses eine Gebäude klammert wie an einen Rettungsring. Und Rettungsringe, das liegt in ihrer Natur, halten einen über Wasser. Vorwärts bewegen muss man sich selbst.
Ich sage immer: Wenn das Schloss morgen abbrennt, weiß kein Mensch mehr, dass es Schwerin gibt. Das ist unser Problem, nicht unser Stolz.
Dr. Helga Martens, Kulturhistorikerin (pensioniert)
UNESCO als Erlösung, die keine sein wird
Seit Jahren bewirbt sich Schwerin um den UNESCO-Welterbe-Status für das Schlossensemble. Die Hoffnung: internationale Anerkennung, mehr Touristen, endlich Bedeutung. Die Stadt hat über eine Million Euro in die Bewerbung gesteckt. Im Juli 2024 kam die Aufnahme in die Welterbeliste. Große Freude. Schlagzeilen für drei Tage.
Aber was ändert sich? Regensburg ist Welterbe. Wismar ist Welterbe. Bamberg ist Welterbe. Haben Sie in letzter Zeit spontan einen Trip nach Wismar geplant, weil es Welterbe ist? Eben. Der Titel ist eine Plakette an der Tür. Kein Geschäftsmodell.
Was Schwerin bräuchte, ist nicht ein Label für das Schloss. Was Schwerin bräuchte, ist etwas neben dem Schloss. Eine lebendige Kulturszene. Eine Gastronomie, die nach 21 Uhr noch atmet. Viertel mit Charakter. Orte, die nicht auf Postkarten stehen, aber für die man trotzdem bleibt. Schwerin hat nichts davon.
Die Ein-Trick-Stadt
Identität ist das, was bleibt, wenn man das Offensichtliche wegnimmt. Nimmt man Paris den Eiffelturm, bleibt immer noch Paris: die Bistros, die Kultur, das Lebensgefühl. Nimmt man Schwerin das Schloss, bleibt eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die zufällig Landeshauptstadt ist. Ohne Profil, ohne Alleinstellungsmerkmal, ohne Geschichte, die man sich abends an der Bar erzählt, weil es in Schwerin auch kaum Bars gibt.
Andere Städte vergleichbarer Größe haben das begriffen. Weimar lebt von Goethe, ja, aber auch von der Bauhaus-Universität, von Kulturstiftungen, von Festivals. Lübeck hat das Marzipan, Thomas Mann, eine ganze Altstadt voller Geschichten. Schwerin hat das Schloss.
Wir haben den Masterplan Tourismus 2030 vorgelegt. Da steht alles drin. Dass wir das Schloss noch besser vermarkten müssen.
Henrik Voss, Abteilungsleiter Stadtmarketing Schwerin
Und genau das ist die Diagnose: Statt neben dem Schloss etwas aufzubauen, vermarktet man das Schloss immer lauter. Als könnte man einen fehlenden zweiten Akt durch Lautstärke ersetzen. Die Broschüren werden bunter, die Drohnenvideos schöner, die Hashtags moderner. Aber wenn der Tourist nach dem Schloss fragt, was er noch machen soll, bleibt die Antwort dieselbe.
Identität braucht mehr als ein Gebäude. Schwerin hat das Schloss. Und sonst nichts, was diese Stadt von einer hübschen Durchfahrt unterscheidet.
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