Liebe Ehemalige,
ihr wisst, wer ihr seid Ähnlich wie bei Schwerin führt offizielle Montags-Schonzeit ein: Produktivität ab 11 Uhr optional. Ihr sitzt jetzt in Hamburg-Eimsbüttel, Berlin-Neukölln oder Rostock-KTV. Ihr trinkt Flat White für 4,50 Euro, geht samstags auf Flohmärkte und sagt Sätze wie Ich komme ursprünglich aus Schwerin, mit diesem leichten Unterton, der gleichzeitig Erklärung und Entschuldigung sein soll.
Dieser Brief geht an euch Ähnlich wie bei Plastik im Ziegeleiteich: Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein, weil sich der Müll nicht zuordnen lässt. Nicht als Vorwurf. Aber auch nicht als Verständniserklärung.
Wir wissen, warum ihr gegangen seid
Natürlich wissen wir das Ähnlich wie bei Mehrwertsteuer gesenkt: Schweriner Restaurants feiern mit unveränderten Preisen. Wir leben hier. Wir sehen die leeren Schaufenster am Marienplatz. Wir fahren in der Straßenbahn, Linie 1 bis 4, das vollständige Netz der Landeshauptstadt. Wir kennen den Moment, wenn man freitagabends um 22 Uhr durch die Innenstadt läuft und sich fragt, ob man der letzte Mensch auf Erden ist.
Ihr seid gegangen, weil es hier keinen Job gab, der zu eurem Abschluss passte. Weil die einzige Karriereoption hieß: Landesverwaltung oder pendeln. Weil die Clubs zugemacht haben, einer nach dem anderen, bis keiner mehr übrig war. Weil das Kulturangebot Staatstheater heißt und dann kommt lange nichts. Weil man in Schwerin nicht leben kann, wenn man unter 40 ist und etwas anderes will als Ruhe.
Eure Gründe sind berechtigt. Jeder einzelne davon.
Was ihr zurückgelassen habt
Eine Stadt, die euch nicht gehalten hat, weil sie es nicht konnte. Oder nicht wollte, da sind sich die Experten uneinig. Eine Stadtvertretung, die seit Jahren debattiert, wie man junge Menschen halten könnte, und deren konkreteste Maßnahme bisher ein Runder Tisch Jugendarbeit war, der sich zweimal im Jahr trifft. Eine Infrastruktur, die auf Rentner optimiert ist, weil Rentner die einzige Wählergruppe sind, die noch da ist.
Ihr habt eine Stadt zurückgelassen, die jetzt bei 98.308 Einwohnern steht. Unter 100.000. Keine Großstadt mehr. Die einzige Landeshauptstadt Deutschlands, die diesen Titel nicht tragen darf. Und jedes Mal, wenn einer von euch geht, wird die Zahl kleiner, die Busse leerer, die Fördergelder knapper.
Meine beste Freundin ist 2018 nach Hamburg gegangen. Mein Bruder 2020 nach Berlin. Mein Ex nach Rostock. Irgendwann sitzt man allein am Pfaffenteich und füttert Schwäne, wie die Rentner. Man ist 26.
Lena S., Schwerin-Altstadt
Ihr kommt an Weihnachten
Wir kennen das Ritual. Heiligabend bei den Eltern, Erster Feiertag Spaziergang am Schweriner See, Zweiter Feiertag das alte Gymnasium besuchen, das jetzt einen neuen Anbau hat. Ihr sagt dann: Schwerin ist eigentlich ganz schön. Ihr sagt eigentlich, weil ihr wisst, dass das nicht reicht.
Ihr fotografiert das Schloss im Schnee. Ihr postet es auf Instagram. Und am 27. Dezember sitzt ihr im Regionalexpress nach Hamburg, zweieinhalb Stunden, kein ICE, und scrollt durch Immobilienportale in eurer Wahlheimat.
Manche von euch sagen: Irgendwann komme ich zurück. Wenn die Kinder klein sind. Wenn die Mieten in Hamburg zu hoch werden. Wenn Schwerin sich verändert hat. Ihr wisst und wir wissen: Ihr kommt nicht zurück. Nicht weil ihr nicht wollt. Sondern weil sich nichts verändert hat. Und nichts darauf hindeutet, dass es das wird.
Wir arbeiten intensiv daran, Schwerin als attraktiven Standort für junge Familien zu positionieren. Die Lebensqualität hier ist enorm.
Wolfgang Fichtner, Wirtschaftsförderer (fiktiv)
Wolfgang sagt das seit 2015. Die Abwanderungszahlen haben ihm seitdem nicht zugehört.
Also, liebe Ehemalige: Wir machen euch keinen Vorwurf. Wer aus einer Stadt wegzieht, die ihm nichts bietet, handelt rational. Und wer bleibt, handelt vielleicht irrational. Oder hat einfach keine andere Wahl.
Aber eines solltet ihr wissen: Jedes Mal, wenn die Stadtvertretung über Abwanderung diskutiert, wird so getan, als wäre es ein Naturphänomen. Wie Regen oder Wind. Als hätte man keinen Einfluss darauf. Als hätte man euch nicht vertrieben, sondern als wärt ihr einfach verdampft.
Ihr seid nicht verdampft. Ihr seid gegangen. Und das ist ein Unterschied, den diese Stadt begreifen muss, bevor die nächsten 2.000 ihre Koffer packen.
Grüße vom Pfaffenteich. Die Schwäne sind noch da. Sonst hat sich wenig geändert.
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