Es gibt Städte, die bauen. Und es gibt Schwerin. Schwerin baut auch. Schwerin baut nur nie fertig. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern hat ein Talent entwickelt, das in keinem Stadtmarketing-Prospekt auftaucht: die Fähigkeit, Baustellen so lange offen zu halten, bis sie Teil der Stadtidentität werden.
Wer durch Schwerin fährt, kommt an Absperrungen vorbei, die so lange stehen, dass sie Patina angesetzt haben Ähnlich wie bei Schwerin sammelt Spenden für Spielplatz, der gar nicht kaputt ist. An Umleitungsschildern, deren Farbe von der Sonne ausgeblichen ist. An halbfertigen Gehwegen, die so lange provisorisch sind, dass das Provisorium zum Normalzustand geworden ist.
Die Philosophie: Alles gleichzeitig, nichts ganz
Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze für Straßensanierung Ähnlich wie bei Europa oder Beutel: Schwerin sucht einen Namen für seinen Hafen und findet sich selbst. Ansatz eins: Eine Straße komplett sperren, konzentriert arbeiten, fertig werden, nächste Straße. Ansatz zwei: Möglichst viele Straßen gleichzeitig aufreißen, auf jeder Baustelle ein bisschen arbeiten, und wenn das Geld ausgeht oder der Winter kommt, einfach alles liegen lassen. Schwerin hat sich fest für Ansatz zwei entschieden.
Das Ergebnis ist eine Stadt, die permanent im Umbau begriffen scheint, ohne dass sich sichtbar etwas verbessert Ähnlich wie bei SVZ druckt versehentlich leere Seite — kein Leser bemerkt Unterschied. Wie ein Haus, in dem seit zehn Jahren renoviert wird und in dem immer noch Kabel aus der Wand hängen.
Meine Straße wurde 2021 aufgerissen. Dann war Winter. Dann fehlte Material. Dann hatte die Firma keine Kapazitäten. Jetzt ist 2026 und ich parke immer noch auf Schotter.
Andreas B., 61, Anwohner
Koordination ist ein Fremdwort
In funktionierenden Städten gibt es Baustellenkoordination. Eine Abteilung, die dafür sorgt, dass nicht gleichzeitig drei parallele Straßen gesperrt werden. Dass Leitungsarbeiten und Straßenbau aufeinander abgestimmt sind, damit nicht erst die Straße fertig gemacht wird und zwei Monate später wieder aufgebaggert wird, weil jemand vergessen hat, dass auch noch neue Wasserleitungen rein müssen.
In Schwerin scheint dieses Konzept bestenfalls theoretisch bekannt zu sein. Es ist keine Seltenheit, dass frisch sanierte Straßen kurz nach Fertigstellung wieder aufgerissen werden. Oder dass Umleitungsstrecken ihrerseits zu Baustellen werden, was zu Umleitungen von Umleitungen führt. Das klingt wie Satire. Es ist Alltag.
Dazu kommt die Vergabepraxis. Öffentliche Ausschreibungen, die Monate dauern. Firmen, die den Zuschlag bekommen und dann feststellen, dass sie die Kapazitäten nicht haben. Nachträge, die den ursprünglichen Kostenrahmen sprengen. Und am Ende die obligatorische Pressemitteilung der Stadt, in der steht, dass sich die Fertigstellung leider um einige Monate verzögert.
Stillstand, der aussieht wie Fortschritt
Das Perfide an Dauerbaustellen ist, dass sie den Anschein von Aktivität erwecken. Solange irgendwo Bagger stehen und Absperrungen den Verkehr umleiten, kann man behaupten, dass etwas passiert. Dass investiert wird. Dass die Stadt vorankommt.
Aber Fortschritt misst sich nicht an der Anzahl offener Baustellen, sondern an der Anzahl geschlossener. Und da sieht es in Schwerin düster aus. Projekte, die in anderen Städten in einer Saison abgeschlossen wären, ziehen sich hier über Jahre. Nicht weil sie komplexer wären. Sondern weil die Planung schlecht ist, die Finanzierung unsicher und der politische Wille zur Priorisierung nicht vorhanden.
Eine Landeshauptstadt mit 98.308 Einwohnern sollte in der Lage sein, ihre Straßen instand zu halten, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sich permanent im Kriegszustand zu befinden. Schwerin schafft das nicht. Schwerin hat sich mit dem Zustand arrangiert. Die Baustellen sind keine Baustellen mehr. Sie sind Schwerin.
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