Fragen Sie einen jungen Menschen in Schwerin, was er beruflich machen will. Dann fragen Sie ihn, wo. Die Antworten werden sich widersprechen. Denn was man machen will und was Schwerin einem anbietet, das sind zwei Welten, die sich ungefähr so oft berühren wie die Straßenbahn und der Fahrplan.
Schwerins Arbeitsmarkt lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Landesverwaltung, Gesundheitswesen, Einzelhandel. Wer IT machen will, geht nach Hamburg. Wer in die Kreativbranche will, geht nach Berlin. Wer Maschinenbau will, geht nach Rostock. Wer bleiben will, wird Sachbearbeiter oder Altenpfleger. Beides ehrenwerte Berufe. Aber eben nicht das, wovon 22-Jährige mit Bachelorabschluss träumen.
Keine Uni, keine Chance
Der Elefant im Raum, über den seit Jahrzehnten niemand ernsthaft spricht: Schwerin hat keine Universität. Die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne Uni. Keine Volluniversität, keine TU, nicht einmal eine relevante Fachhochschule. Es gibt die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit mit einem Standort. Das war’s.
Was das bedeutet? Keine Studierenden, die in der Stadt bleiben könnten. Keine Forschung, die Unternehmen anzieht. Kein akademisches Milieu, das Gründungen fördert. Keine Start-up-Szene, kein Coworking-Space, kein Tech-Hub. Jena hat 110.000 Einwohner und ist durch die Universität und die Carl-Zeiss-Stiftung zu einem der innovativsten Standorte Ostdeutschlands geworden. Schwerin hat 98.000 Einwohner und ein Amt für Strahlenschutz.
Ich habe mich mal nach IT-Jobs in Schwerin umgeschaut. Die Ergebnisse passten auf eine halbe Bildschirmseite. Bei Hamburg brauchte ich drei Stunden zum Scrollen.
Kevin, 26, Informatiker, jetzt Hamburg
Die Gewerbesteuereinnahmen stagnieren seit Jahren. Gleichzeitig steigen die Sozialausgaben, weil eine alternde Bevölkerung mehr Pflege, mehr Gesundheitsversorgung, mehr Infrastruktur braucht. Der demografische Wandel ist in Schwerin kein Zukunftsszenario. Er ist Alltag. Und er frisst das Budget auf, das man bräuchte, um irgendetwas zu ändern.
Der Pendler-Express nach Hamburg
Wer trotzdem in Schwerin wohnen will und einen qualifizierten Job braucht, dem bleibt der Regionalexpress nach Hamburg. Zwei Stunden pro Strecke. Vier Stunden am Tag im Zug. Wer das ein Jahr durchhält, zieht nach Hamburg. Wer es zwei Jahre durchhält, wird Bahnvielfahrer des Jahres. Wer es drei Jahre durchhält, existiert statistisch nicht.
In einer Stadt, deren Internet zu langsam für professionelles Homeoffice ist, deren Bahnanbindung keinen ICE kennt und deren Wirtschaftsstruktur sich seit der Wende kaum diversifiziert hat, ist der Arbeitsmarkt nicht nur ein Problem. Er ist DAS Problem. Alles andere folgt daraus: Abwanderung, Überalterung, Leerstand, sinkende Steuereinnahmen.
Schwerin bietet attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten im öffentlichen Sektor und im wachsenden Gesundheitsbereich.
Wirtschaftsförderung Schwerin, im Brustton der Überzeugung
Verwaltung, Pflege, oder weg. Drei Optionen. Mehr hat Schwerin nicht. Und solange sich daran nichts ändert, wird auch die vierte Option die beliebteste bleiben: die A24 Richtung Hamburg.
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