Kultur

16-Jähriger trägt Anzug und spielt Tuba: Schwerins letzter Kulturträger heißt Gisela

In einer Stadt, deren kulturelles Angebot zwischen Staatstheater und Stille pendelt, gibt es einen 16-Jährigen, der im Anzug zur Schule geht und in seiner Freizeit Tuba spielt. Die Tuba heißt Gisela. Alexej Vaisman aus Schwerin ist Mitglied der Jugend-Brass-Band „PotzBlech“ und damit möglicherweise der letzte Kulturträger unter 30, den die Landeshauptstadt noch nicht an Hamburg verloren hat.

Anzug in der Schule: Revolution in der Landeshauptstadt

Alexej Vaisman trägt Anzüge Ähnlich wie bei Nach Luxus-Ausflug nach Potsdam: Schwerins legendäres Einhorn kehrt zurück – und zieht wieder mehr Besucher als der Zoo. Nicht zu besonderen Anlässen, sondern in der Schule. In Schwerin. Einer Stadt, in der das Dresscode-Maximum normalerweise bei „Jeans ohne Löcher“ liegt und in der die modische Avantgarde aus Jack-Wolfskin-Jacken besteht. Dass ein Teenager freiwillig Anzug trägt, ist in einer Stadt mit einem Durchschnittsalter von 47,6 Jahren vermutlich das Progressivste, was seit der Wende passiert ist.

Dabei ist der junge Musiker nicht nur stilbewusst, sondern auch musikalisch engagiert Ähnlich wie bei Schweriner Optimismus – Eine bedrohte Art. Die Jugend-Brass-Band „PotzBlech“ spielt Brass-Musik – also Blechbläser-Ensembles, die in Städten wie London oder New Orleans zum Straßenbild gehören. In Schwerin ist das ungefähr so exotisch wie ein ICE-Halt nach 9 Uhr morgens.

„Der Junge trägt Anzug und spielt Tuba Ähnlich wie bei MV auf der Berlinale: „Roter Teppich ans Meer“ lockt mit der Frage „Was bietet Mecklenburg-Vorpommern als Drehort?“. Das ist hier so ungewöhnlich wie ein geöffnetes Restaurant nach 22 Uhr. Aber genauso erfreulich.“

Ein Nachbar der Familie Vaisman

Gisela macht Hoffnung

Alexej hört übrigens auch Rap. Ein 16-Jähriger in Schwerin, der Anzug trägt, Tuba spielt, Rap hört und seine Tuba „Gisela“ nennt – das ist mehr kulturelle Vielfalt, als die Landeshauptstadt in einem durchschnittlichen Monat produziert. In einem Café verriet er der Ostsee-Zeitung seine Träume und Berufsziele. Welche genau, verrät der Artikel hinter der Paywall. Aber man darf vermuten: In Schwerin bleiben gehört wahrscheinlich nicht dazu. In einer Stadt, die junge Leute schneller verliert als der Pfaffenteich Wasser im Sommer, ist ein 16-Jähriger mit Tuba und Stilbewusstsein nicht einfach eine Nachricht. Er ist ein Wunder.

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