Schwerin. Wer dachte, das Schweriner Schloss diene hauptsächlich als Fotomotiv für Touristen, die nach maximal zwei Stunden wieder abreisen, wurde diese Woche eines Besseren belehrt. Im Plenarsaal des Landtags ging es zu wie in einer besonders emotionalen Folge einer Casting-Show, nur dass hier niemand singen kann und die Jury sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.
Acht Monate vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern haben die Parteien offiziell den Wahlkampfmodus aktiviert. Was in der Praxis bedeutet: Sechs Gesetze wurden durchgepeitscht, als gäbe es kein Morgen. Darunter ein neues Wassergesetz und eine erweiterte Landarztquote. Die rot-rote Koalition arbeitet ihre To-do-Liste ab wie jemand, der plötzlich merkt, dass der Abgabetermin in drei Stunden ist.
Applaus-Rekord im Schloss
Höhepunkt der Woche: Die SPD inszenierte das Ehrenamt als Regierungserfolg und ließ Ministerpräsidentin Manuela Schwesig eine Rede halten, die 30 Sekunden frenetischen Applaus erntete. Dreißig Sekunden. Im Schweriner Landtag. Man munkelt, selbst die Schwäne auf dem Pfaffenteich hätten kurz aufgeblickt. Mit 25 Prozent in den Umfragen fühlt sich die SPD offenbar wie ein Marathonläufer, der bei Kilometer drei euphorisch die Arme hochreißt.
Es geht früh schon los in Richtung Wahlkampf.
Ein altgedienter Abgeordneter, der offenbar zum ersten Mal einen Wahlkampf erlebt
AfD übt derweil den Nahkampf untereinander
Während die SPD feiert, leckt die AfD ihre Wunden. Fraktionschef Nikolaus Kramer, der beim Parteitag in Neubrandenburg krachend gegen seinen Vize Enrico Schult verlor, sitzt auf einem Stuhl, der mehr wackelt als die ICE-Verbindung nach Hamburg. Seine Fraktionskollegen bereiten im Hintergrund bereits den nächsten Machtkampf vor. Politische Intrigen auf Schweriner Niveau, was bedeutet: Alle wissen Bescheid, aber niemand sagt was.
Die verbliebenen AfD-Abgeordneten griffen derweil auf die bewährte Themenliste zurück: Zuwanderung, Linksextremismus, zerrüttete Landesfinanzen. Als kreativstes Gegenrezept bot Abgeordneter Martin Schmidt das Einfrieren von Politikergehältern an. Ein Vorschlag, so frisch wie die Luft am Schweriner See im November.
Eines steht fest: In der Landeshauptstadt wird jetzt acht Monate lang mehr geredet als gehandelt. Also im Grunde wie immer, nur diesmal mit offizieller Begründung.
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