Gesellschaft

Schweriner entdeckt beim Espresso: Es gibt Städte, in denen man leben will

Schwerin. Was macht man, wenn man in einer Stadt lebt, die selbst das Reiseportal Tripadvisor unter „Sonstiges“ einsortiert? Man besucht das Café „Jan Cornelius“ in den Schweriner Höfen und tut so, als wäre man woanders. Gastronomin Evelyn Ahlers (62) hat in den letzten elf Jahren etwas geschafft, woran Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und drei Oberbürgermeister gescheitert sind: einen Ort in Schwerin, an dem man sich freiwillig aufhält.

Das Konzept ist dabei so simpel wie genial: italienische Kaffeespezialitäten, selbstgebackener Kuchen und 250 karibische Rumsorten. Was zunächst klingt wie die Getränkekarte einer mittelgroßen Kreuzfahrt, ist in Wahrheit die letzte Bastion der Lebensfreude in der kleinsten Landeshauptstadt Deutschlands. Während draußen der Januarwind über den Pfaffenteich peitscht und die Straßenbahn auf ihren legendären vier Linien durch die Tristesse rattert, riecht es drinnen nach frisch gemahlenen Bohnen aus Neapel.

250 Rumsorten, aber kein ICE nach Hamburg

Besonders bemerkenswert: Den Handhebel-Siebträger holte das Ehepaar Ahlers persönlich aus einer Manufaktur in Neapel. Für authentischen Espresso fliegt man eben nach Italien. Für einen ICE-Anschluss kämpft man seit 30 Jahren vergeblich. Prioritäten.

„Jeder Besuch ist wie eine kleine Reise nach Italien, ohne dass man dafür seine Koffer packen muss.“

Stammgast André Kotte (63), der vermutlich auch deshalb Stammgast ist, weil es in Schwerin sonst nichts gibt

Die Weine bezieht Ahlers direkt von Winzern in Ligurien, ohne Zwischenhändler. Das ist in etwa so, als würde ein Astronaut auf der ISS sein eigenes Gemüse anbauen, weil die Versorgungslage es erfordert. Nur dass die ISS bessere Infrastruktur hat als Schwerin.

Fluchtpunkt für die Verbliebenen

Viele Kunden kommen in der Mittagspause auf einen Espresso und abends auf ein Glas Wein zurück. Experten vermuten: Sie gehen dazwischen gar nicht richtig weg, weil es draußen Schwerin ist. Ehemann Frank, gelernter Schiffbauingenieur, hat die gesamte Inneneinrichtung selbst gebaut. Ein Schiffbauingenieur in Schwerin, wo es weder Schiffe noch nennenswerte Industrie gibt, findet immerhin als Möbelbauer Verwendung.

Die bittere Wahrheit bleibt: Wenn die aufregendste Nachricht aus der Landeshauptstadt ein Café mit Rum-Sortiment ist, sagt das mehr über Schwerin als jeder Stadtentwicklungsbericht. Aber hey, wenigstens haben wir das Schloss. Und jetzt auch Espresso.

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