Schwerin trauert. Das legendäre Café Ulrike in der Wittenburger Straße, seit 36 Jahren gastronomischer Fixpunkt zwischen Schlosspark und Realität, ist in der Nacht zum 9. Januar einem Brand zum Opfer gefallen. Ein technischer Defekt raubte der Stadt damit den vermutlich letzten Ort, an dem man noch unironisch Platzeck bestellen konnte.
Gegen 4 Uhr morgens brach das Feuer im Erdgeschoss aus und fraß sich durch die komplette hölzerne Inneneinrichtung. 55 Einsatzkräfte eilten herbei, was gemessen an der sonstigen Schweriner Nachtaktivität einem mittelgroßen Volksfest gleichkam. Fünf Bewohner des dreigeschossigen Hauses mussten gerettet werden, eine 60-jährige Mieterin kam mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus.
200.000 Euro Schaden und ein geschmolzenes Firmenlogo
Der Sachschaden beläuft sich auf rund 200.000 Euro, womit das Café Ulrike mehr wert war als so manches Schweriner Startup der letzten Jahre zusammen. Was blieb: verrußte Wände, verkohlte Balken und ein geschmolzenes Ladenlogo. Inhaberin Ulrike Friedersdorf hat das Innere ihres Lebenswerks bisher nicht betreten. Nur das E von ihrem Namensschriftzug ließ sie sich aus der Asche reichen. Immerhin etwas, das in Schwerin Bestand hat.
„Wir können von Glück reden, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Das ist der einzige Trost in diesen Tagen.“
Inhaberin Ulrike Friedersdorf, die seit 1986 selbstständig ist und mehr Krisen überlebt hat als Schwerins Innenstadtkonzept
Vom DDR-Eiscafé zum Kulturerbe der Wittenburger Straße
Die Geschichte des Cafés liest sich wie ein Crashkurs in deutsch-deutscher Wirtschaftsgeschichte. 1986 kündigte Ulrike Friedersdorf beim Tiefbaukombinat, um sich selbstständig zu machen. Im Januar 1990 eröffnete das Eiscafé, die Schweriner standen mit ihrer letzten Ostmark Schlange. Dann kam die D-Mark und die Schlange verschwand schneller als die Hoffnung auf blühende Landschaften.
Doch Friedersdorf ließ sich nicht unterkriegen. Frühstückscafé, Oldiepartys, Live-Musik, die legendäre Theater-Theckennacht: Das Café wurde zum sozialen Knotenpunkt der Wittenburger Straße. Sohn Kevin verdiente sich sein Taschengeld im elterlichen Betrieb, und für viele Senioren war das Ulrike der einzige Grund, überhaupt noch vor die Tür zu gehen.
Ampelschaden sorgt für Verkehrschaos
Als wäre der Brand nicht genug, beschädigte das Feuer auch noch einen Lkw, mehrere Verkehrsschilder und eine Ampelanlage. Das Abbiegen aus der Fritz-Reuter-Straße in Richtung Lübecker Straße ist seitdem untersagt. Schwerin-Kenner wissen: Das macht verkehrstechnisch keinen Unterschied, weil dort ohnehin niemand freiwillig langfährt.
Die Wittenburger Straße war bis 9 Uhr gesperrt, die Straßenbahn stand still, und die Feuerwehr musste parallel streuen, weil das Löschwasser bei Minusgraden sofort gefror. Schwerin im Winter, wie es im Reiseführer stehen müsste, aber nicht tut.
Die Familie bittet nun Stammgäste um Fotos und Geschichten aus besseren Tagen. Über die Zukunft des Cafés will noch niemand sprechen. In Schwerin ist das allerdings ein gutes Zeichen, denn hier bedeutet Schweigen meistens: Es wird weitergemacht.
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