Die Landeshauptstadt durfte am Freitag erleben, was passiert, wenn die Bundesregierung Geld in die Provinz schickt: bunte Lichter an einer Fassade und gähnende Leere davor. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurden die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen an das Schweriner Rathaus projiziert. Die Aktion lockte nach Augenzeugenberichten etwa so viele Zuschauer an, wie Schwerin ICE-Verbindungen nach Hamburg hat.
Bund finanziert, keiner kommt
Die gemeinnützige GmbH Engagement Global, die im Auftrag des BMZ die Kampagne „17 Ziele“ durch deutsche Städte tourt, hatte sich Schwerin als Station ausgesucht. Warum ausgerechnet Schwerin? „Die Kampagne kam mit der Idee auf uns zu“, erklärte die Stadtverwaltung. Übersetzt: Selbst die Bundesregierung muss die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands ab und zu daran erinnern, dass sie existiert.
Die 17 Ziele umfassen unter anderem den Schutz von Leben im Wasser und an Land, bezahlbare und saubere Energie sowie nachhaltige Städte. Dass ausgerechnet eine Stadt, die seit Jahren darum kämpft, die 100.000-Einwohner-Marke nicht zu unterschreiten, als Werbeträger für „nachhaltige Entwicklung“ herhalten muss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
„Als kleinste Landeshauptstadt Deutschlands will auch Schwerin zeigen, wie eine lebenswerte, gerechte und klimaneutrale Stadt im 21. Jahrhundert aussehen kann.“
Bernd Nottebaum (CDU), amtierender Oberbürgermeister
Ortskundige weisen darauf hin, dass Schwerin bereits bei Ziel Nummer 11 („Nachhaltige Städte und Gemeinden“) kapituliert hat, wenn man sich den Zustand der Straßen und das ÖPNV-Netz aus ganzen vier Straßenbahnlinien anschaut. Auch bei Ziel 8 („Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“) gebe es noch Luft nach oben, so ein Passant, der namentlich nicht genannt werden wollte, weil er gerade auf dem Weg nach Hamburg war.
Günstiger als Wacken, teurer als nötig
Pikantes Detail am Rande: Geleitet wird das BMZ von der Schweriner SPD-Politikerin Reem Alabali-Radovan. Über die Kosten der Lichtshow schwieg man sich aus, versicherte aber, dass es „deutlich günstiger“ gewesen sei als ein Stand auf dem Wacken-Festival in Schleswig-Holstein. Eine Messlatte, die in Schwerin traditionell niedrig liegt.
Die Stadtverwaltung zeigte sich trotz der überschaubaren Resonanz zufrieden. Man wolle „Entwicklungspolitik auch lokal sichtbar machen“, hieß es. Dass Schwerin selbst ein Entwicklungsland ist, darauf wollte auf Nachfrage niemand eingehen.
Experten gehen davon aus, dass die Projektion der 17 Ziele an der Rathausfassade ungefähr so viel an Schwerins Nachhaltigkeitsbilanz ändert wie das Aufhängen eines Motivationsposters in einem brennenden Gebäude. Eine Rentnerin am Pfaffenteich verwechselte die bunten Lichter unterdessen mit Werbung für den neuen Asia-Imbiss und zeigte sich enttäuscht.
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
