Infrastruktur

Azubis und Rentner kämpfen um Schwerins letzte Sozialwohnung

Schwerin – Eine aktuelle Studie der IG BAU offenbart, was viele Schweriner längst ahnen: Bezahlbarer Wohnraum wird in der Landeshauptstadt so selten wie ein pünktlicher Bus. Besonders betroffen sind Auszubildende und Rentner, die sich künftig möglicherweise um dieselbe 30-Quadratmeter-Wohnung prügeln müssen.

2.220 Azubis wohnen bei Mama

Laut dem „Sozialen Wohn-Monitor“ des Pestel-Instituts leben in Schwerin rund 2.220 Auszubildende, von denen ein erheblicher Teil noch bei den Eltern wohnt. Nicht aus Liebe zum Hotel Mama, sondern weil eine eigene Wohnung schlicht unbezahlbar ist. IG-BAU-Bezirkschef Jörg Reppin warnte eindringlich: Wenn Ausbildungsverträge platzen, weil junge Menschen keine Bude finden, sei das ein „ernstes Problem für die heimische Wirtschaft“.

„Wir haben Azubis, die täglich 90 Minuten zur Arbeit pendeln, weil sie sich keine Wohnung in Schwerin leisten können. Die Ironie: Am Ausbildungsort gibt es zwar Jobs, aber keine Wohnungen. Und dort, wo es Wohnungen gibt, gibt es keine Jobs.“ – Jörg Reppin, IG BAU

12.700 Babyboomer entdecken den Wohnungsmarkt

Doch die Azubis sind nicht die einzigen, die auf der Strecke bleiben. In Schwerin stehen rund 12.700 Babyboomer vor dem Rentenantritt bis 2035. Viele von ihnen haben aufgrund niedriger Löhne oder längerer Arbeitslosigkeit nur bescheidene Rentenansprüche. Bei steigenden Mieten droht ihnen das, was die IG BAU „Wohnarmut im Alter“ nennt. Frei übersetzt: Du hast 40 Jahre gearbeitet und kannst dir trotzdem die Miete nicht leisten.

Die Studie fordert eine Verdopplung des Sozialwohnungsbestands auf bundesweit zwei Millionen bis Mitte der 2030er Jahre. Für MV bedeutet das konkret: 44.600 Sozialwohnungen bis 2035, bei einem Neubaubedarf von 3.900 Einheiten pro Jahr. Zum Vergleich: So viele Wohnungen baut man in Schwerin normalerweise in einem Jahrzehnt. Optimistisch geschätzt.

Kreative Lösungsvorschläge aus dem Rathaus

Die Stadtverwaltung zeigt sich innovationsbereit. Ein interner Vermerk, der unserer Redaktion zugespielt wurde, schlägt unter anderem „Mehrgenerationen-WGs“ vor, in denen Azubis und Rentner gemeinsam wohnen könnten. Motto: Du kochst, ich erkläre dir das WLAN. Weitere Vorschläge umfassen die Umwidmung leerstehender Plattenbauten in „kreative Wohnlabore“ sowie steuerliche Anreize für Betriebe, die Azubi-Wohnungen bereitstellen.

Experten geben sich derweil pragmatisch. „Die gute Nachricht ist: In Schwerin gibt es theoretisch genug Wohnraum“, sagte ein Immobilienanalyst. „Die schlechte Nachricht: Er gehört jemandem, der mehr Miete will, als ein Azubi-Gehalt hergibt.“ Bis sich etwas ändert, bleibt vielen Schwerinern nur die bewährte Strategie: Bei den Eltern wohnen bleiben, so lange es geht. Und wenn die Eltern selbst die Miete nicht mehr zahlen können, zieht man eben gemeinsam zu Oma.

Quelle: schwerin-lokal.de

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